Montag, 4. August 2014

Mein, dein, unser Bild vom Winter

Mein, dein, unser Bild vom Winter

Du blickst aus dem Fenster und siehst sich kringelnde Rauchwölkchen. Sie kommen aus einem Schornstein, der von dunkelgrünen Tannen verdeckt wird. Rauchwölkchen, die verbindest du mit dem tiefsten Winter, in dem meterhoher Schnee liegt, vorzugsweise reinweiß. Morgens, wenn Neuschnee gefallen ist, sieht es am schönsten aus, so friedlich. Hie und da lassen sich vielleicht kleine Fingerabdrücke von Vögeln finden. Fingerabdrücke? Vögel haben doch Krallen, würdest du sagen. Aber ich finde, dass Krallen nicht in dieses Bild passen, Krallen, die sind scharf und alles andere als friedlich. Während ich dir das erkläre, verziehen sich deine Mundwinkel zu einem Lächeln. In dieses Lächeln habe ich mich verliebt. An unserem ersten Tag, im tiefsten Winter mit meterhohem Schnee, da hast du mir dieses Lächeln geschenkt. Ein bisschen spöttisch und doch liebevoll. Obwohl wir nicht einmal unsere Namen kannten. Ich bin nicht jemand, der an die Liebe auf den ersten Blick glaubt. Liebe braucht Zeit. Liebe ist ein unglaublich weit umfassender Begriff, kaum zu fassen. Ich sage nicht, dass ich dich gleich liebte, aber ich wusste, dass ich dich vielleicht einmal lieben würde. Ein ungewisser Punkt in der Zukunft, der nun in der Vergangenheit liegt. Seit unserem ersten, zufälligen Treffen sind mehrere Jahre ins Land gezogen. Ins Land gezogen – ungefähr so hättest du es ausgedrückt. Der Hörer mag sich fragen, warum ich dich nicht frage, sondern einfach Vermutungen in den Raum stelle oder weshalb ich nicht meine eigenen Formulierungen erwähle. Einen Menschen wirklich kennen, das sei sowieso unmöglich. Schließlich könne er sich immer wieder ändern und man müsse schon fragen. Viele Paare kommen irgendwann an einen Punkt, an dem sie ihre neugierige, fragende Haltung verlieren. Die Beteiligten sagen: Ich weiß, was du denkst. Und warum, das ist mir mittlerweile egal.Ich weiß bloß, dass es so ist.
Und ich? Ich würde dich gerne fragen. Aber du und ich, wir sind nicht mehr das, was man ein „Wir“ nennen darf. Trotzdem würde ich aus tiefster Überzeugung sagen, dass ich dich gekannt habe, und ich habe gerade deswegen gefragt, weil ich dich wertgeschätzt habe und aus deinem Mund hören wollte, was du dachtest. Ich denke, so macht man das, wenn man einen Menschen wirklich liebt. Nicht nur für einen Tag und eine Nacht. Draußen sehe ich sich kringelnde Rauchwölkchen.
Schnee liegt keiner. Überhaupt, dieser ganze Winter ist kein wirklicher Winter. Als wäre er gegangen, als hätte er seinen weißen Mantel übergestreift und wäre damit verschwunden.
Was sind wir ohne unseren Winter? Wir sind zerbrochen und schneiden uns an uns selbst. Dabei habe ich nie aufgehört zu fragen. Ich wollte vieles richtig machen und dann ging alles schief. Plötzlich passen die Krallen sehr gut in mein Bild vom Winter, der eisig ist; nicht kuschelig wie damals, als wir sein Bild eng umschlungen genossen, die Wärme spürend, die wir uns gegenseitig schenkten. Doch ohne Schnee sehe ich keine Spuren darin und keinen Weg, dem ich folgen könnte. Mein Herz hat dich nicht vergessen und ich kann nicht dein, mein, unser Bild vom Winter vergessen. Entlieben braucht Zeit. Entlieben – was für ein scheußlicher Begriff.
Ich schneide mich an mir selbst. Für dich darf ich nicht mehr sprechen. Und kennen? Kennen tue ich dich nicht länger, egal wie sehr diese Erkenntnis sticht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen