Mein,
dein, unser Bild vom Winter
Du
blickst aus dem Fenster und siehst sich kringelnde Rauchwölkchen.
Sie kommen aus einem Schornstein, der von dunkelgrünen Tannen
verdeckt wird. Rauchwölkchen, die verbindest du mit dem tiefsten
Winter, in dem meterhoher Schnee liegt, vorzugsweise reinweiß.
Morgens, wenn Neuschnee gefallen ist, sieht es am schönsten aus, so
friedlich. Hie und da lassen sich vielleicht kleine Fingerabdrücke
von Vögeln finden. Fingerabdrücke? Vögel haben doch Krallen,
würdest du sagen. Aber ich finde, dass Krallen nicht in dieses Bild
passen, Krallen, die sind scharf und alles andere als friedlich.
Während ich dir das erkläre, verziehen sich deine Mundwinkel zu
einem Lächeln. In dieses Lächeln habe ich mich verliebt. An unserem
ersten Tag, im tiefsten Winter mit meterhohem Schnee, da hast du mir
dieses Lächeln geschenkt. Ein bisschen spöttisch und doch
liebevoll. Obwohl wir nicht einmal unsere Namen kannten. Ich bin
nicht jemand, der an die Liebe auf den ersten Blick glaubt. Liebe
braucht Zeit. Liebe ist ein unglaublich weit umfassender Begriff,
kaum zu fassen. Ich sage nicht, dass ich dich gleich liebte, aber ich
wusste, dass ich dich vielleicht einmal lieben würde. Ein ungewisser
Punkt in der Zukunft, der nun in der Vergangenheit liegt. Seit
unserem ersten, zufälligen Treffen sind mehrere Jahre ins Land
gezogen. Ins Land gezogen – ungefähr so hättest du es
ausgedrückt. Der Hörer mag sich fragen, warum ich dich nicht frage,
sondern einfach Vermutungen in den Raum stelle oder weshalb ich nicht
meine eigenen Formulierungen erwähle. Einen Menschen wirklich
kennen, das sei sowieso unmöglich. Schließlich könne er sich immer
wieder ändern und man müsse schon fragen. Viele Paare kommen
irgendwann an einen Punkt, an dem sie ihre neugierige, fragende
Haltung verlieren. Die Beteiligten sagen: Ich weiß, was du denkst.
Und warum, das ist mir mittlerweile egal.Ich weiß bloß, dass es so
ist.
Und
ich? Ich würde dich gerne fragen. Aber du und ich, wir sind nicht
mehr das, was man ein „Wir“ nennen darf. Trotzdem würde ich aus
tiefster Überzeugung sagen, dass ich dich gekannt habe, und ich habe
gerade deswegen gefragt, weil ich dich wertgeschätzt habe und aus
deinem Mund hören wollte, was du dachtest. Ich denke, so macht man
das, wenn man einen Menschen wirklich liebt. Nicht nur für einen Tag
und eine Nacht. Draußen sehe ich sich kringelnde Rauchwölkchen.
Schnee
liegt keiner. Überhaupt, dieser ganze Winter ist kein wirklicher
Winter. Als wäre er gegangen, als hätte er seinen weißen Mantel
übergestreift und wäre damit verschwunden.
Was
sind wir ohne unseren Winter? Wir sind zerbrochen und schneiden uns
an uns selbst. Dabei habe ich nie aufgehört zu fragen. Ich wollte
vieles richtig machen und dann ging alles schief. Plötzlich passen
die Krallen sehr gut in mein Bild vom Winter, der eisig ist; nicht
kuschelig wie damals, als wir sein Bild eng umschlungen genossen, die
Wärme spürend, die wir uns gegenseitig schenkten. Doch ohne Schnee
sehe ich keine Spuren darin und keinen Weg, dem ich folgen könnte.
Mein Herz hat dich nicht vergessen und ich kann nicht dein, mein,
unser Bild vom Winter vergessen. Entlieben braucht Zeit. Entlieben –
was für ein scheußlicher Begriff.
Ich
schneide mich an mir selbst. Für dich darf ich nicht mehr sprechen.
Und kennen? Kennen tue ich dich nicht länger, egal wie sehr diese
Erkenntnis sticht.